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„Das Smartphone kann man stummstellen. Die Welt nicht.“

Dr. Petra Bahr, Landessuperintendentin des Sprengels Hannover, über Komplexität im Alltag, das Gefühl der Überforderung und die Rolle der Kirche.

Von Jakob van Kampen am 14. Juni 2017

Dr. Petra Bahr

Dr. Petra Bahr ist Landessuperintendentin des Sprengels Hannover der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Nach einer journalistischen Ausbildung studierte sie Theologie und Philosophie in Münster und promovierte an der Universität Basel über die „Kritik der Urteilskraft“ von Immanuel Kant.

Von 2006 bis 2014 war sie Kulturbeauftragte des Rates der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) und Leiterin des Kulturbüros der EKD. Von 2014 bis 2016 leitete Sie die Hauptabteilung Politik und Beratung. Petra Bahr ist Autorin mehrerer Bücher und schreibt regelmäßig für überregionale Zeitungen.

Was glauben Sie: Wird unsere Welt tatsächlich immer komplexer oder kommt uns das nur so vor?

Ob die Komplexität der Welt tatsächlich zugenommen hat? Es gibt ja auch eine gigantische Reduktion dieser Komplexität. Kulturelle und regionale Besonderheiten und Eigenarten verschwinden, die Welt wird immer uniformer. Die Kids dieser Welt mögen die gleichen Sneakers, spielen die gleichen Spiele, trinken die gleichen Getränke. Kulturelle Vielfalt verschwindet immer mehr - Dialekte, Sprachen, Kunsthandwerk, Architektur, Küche, Familienrituale. Ich glaube, das Gefühl, in einer Welt übersteigerter Komplexität zu leben, hat mit der Aufmerksamkeit auf alles im gleichen Moment zu tun. Wir sind durch dauerhafte mediale und faktische Präsenz des Fremden und Anderen überfordert, Dinge zu sortieren, Wichtiges vom Unwichtigen, Bedrohliches von nur vermeintlich Gefährlichem und Wahres von Falschem zu unterscheiden. 

Fühlen sich wirklich so viele Menschen derzeit verunsichert und überfordert? Und wenn ja, worin liegt das Ihrer Meinung nach?

Ohnmacht ist auch das Gefühl, sich nicht mehr in ein sicheres Verhältnis zur Welt setzen zu können. Dazu ist das, was in tausend Kilometern Entfernung schön und exotisch ist, in der direkten Umgebung bedrohlich, hässlich oder auch nur enervierend. Es gibt so etwas wie ein kulturelles Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Alles, vom Jogurt über die Form der Partnerschaft bis zur Religion wird zu einer Frage der Option, einer Wahl. Deshalb wird permanent eine Entscheidung verlangt. Nur auf welcher Grundlage eigentlich? 

Dieser Zwang zur Wahl überfordert genauso wie die Unfähigkeit, zwischen all den Impulsen, Eindrücken, Meinungen zu unterscheiden. Sogar Traditionen und Gewohnheiten werden rechtfertigungsbedürftig. Vor ein paar Jahrzehnten mussten sich nur die rechtfertigen, die die Familienbande, das Dorf oder den Beruf des Vaters mutwillig verließen, um in die große Stadt oder in die noch größere Welt zu ziehen. Heute müssen sich auch die rechtfertigen - oder sie empfinden es so – die so leben wollen wie ihre Eltern und Großeltern. Sinnzusammenhänge und ein tiefes Geborgenheitsgefühl, ja so was wie Heimat, muss nun gewählt und gesucht werden. Es ist nichts mehr, wo Menschen sich fraglos vorfinden. Außerdem ist unter Umständen der Nachbar fremder als die fernen Städter, mit denen man nie etwas zu tun haben wollte. Und es gibt kein Entrinnen. Das Smartphone kann man ja noch stummstellen. Die Welt nicht.

Wer den Eindruck hat, Teil von etwas zu sein, mitgestalten zu können – und wenn es nur im kleinsten Radius ist – wer Erfahrungen der Selbstmächtigkeit macht, der gewinnt schon ein wenig Trittsicherheit, einen Moment der Gewissheit: Ich bin weder mir selbst noch der Welt ausgeliefert.

Wie gehen Sie als Vertreterin der evangelischen Kirche mit diesen Gefühlen um? Welche Rolle kommt in diesem Kontext den Kirchen zu?

Als Theologin ist mir wichtig, daran zu erinnern, dass schon in den biblischen Überlieferungen über den Menschen diese Gefühlswesen sind, hin- und hergerissen zwischen Trotz und Begeisterung, tiefster Melancholie und Zufriedenheit, die einen Moment später in Wut oder Verzweiflung kippt. Menschen sind eben mehr als Wille und Verstand. Das wusste entgegen anderslautenden Vorurteilen übrigens auch der große alte Immanuel Kant. Martin Luther hat eine ganze Lehre der menschlichen Affekte entwickelt, um verstehen zu können, warum Menschen ihre Freiheit oft dazu nutzen, sich gegen diese selbst zu wenden.

Die Verkehrung der Freiheit, das nennt die Bibel Sünde. Destruktive Kräfte, Neid, Habsucht, Selbstsucht (ein schönes, vergessenes Wort), aber auch die Pflege der eigenen Verletzungen, das Unvermögen zu verzeihen, kurz: die Art und Weise, wie Menschen sich selbst das Leben auf Erden zur Hölle machen. Die Kirchen sollten eine Sprache haben, um großen, vielleicht auch kollektiv übersteigerten oder falschen Gefühlen einen Resonanzraum zu geben. Die Kirche ist nämlich nicht für sich selber da. Sie ist kein Christenclub hinter verschlossenen Türen. Sie muss und kann die Gottesfrage stellen: was ist das Wichtigste im Leben? Woher kommt der Sinn? Und woher die Kraft, die Welt zu einem bewohnbaren Ort für die Kinder und Kindeskinder zu machen?

Wie vermitteln Sie persönlich komplexe Sachverhalte, ohne (zu stak) zu vereinfachen? Haben Sie historische oder aktuelle Vorbilder, die diesen Spagat meistern?

Meine Vorbilder? Weniger die großen Redner der Geschichte, meistens Männer. Ich mache bei wichtigen Reden und Texten die Nagelprobe. Was hört mein kleiner Sohn? Was meine Freundin, die mit dem Glauben nicht viel am Hut hat? Ich mag es kurz und reduziert. Ich mag gute und ehrliche Geschichten, weil die nie vereinfachen. Ich mag es, wenn Fragen offen bleiben dürfen.