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Die kugelsichere Weste ist meine zweite Haut

Yevgenija Podobna berichtet als Kriegsreporterin aus der Ukraine. Ihr Sender gehört dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko. Trotzdem versucht sie, regierungskritisch zu arbeiten.

Von Ann-Kristin Schäfer am 02. Juni 2016

„Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und bekomme schon graue Haare“, sagt Yevgenija und schmunzelt. Was der Krieg in der Ukraine mit ihr gemacht hat, wollte ich von ihr wissen. „Ich bekomme graue Haare. Und der Krieg hat mein komplettes Leben verändert“, lautet die Antwort. Die junge Frau aus Kiew hat viele Interessen und Talente. Neben ihrem Journalistikstudium studierte sie Biologie auf Lehramt und promoviert gerade in sozialer Kommunikation. Nebenbei schrieb sie schon früh für regionale Zeitungen, arbeitete als Model und nahm an Miss-Wahlen teil. Als Reporterin für den Fernsehsender 5 Channel steht Yevgenija täglich zu vielen verschiedenen Themen vor der Kamera.
Einmal im Monat verlässt die junge Frau für eine Woche ihre Heimatstadt Kiew und reist in die Ostukraine, um dort von den Kämpfen zwischen ukrainischen Soldaten auf der einen und Separatisten und russischen Soldaten auf der anderen Seite zu berichten. „In dieser Zeit wird die kugelsichere Weste zu meiner zweiten Haut. Ich weiß jetzt, wie schnell ich rennen kann, und kann unterschiedliche Schusswaffen am Geräusch erkennen.“

Der schwierigste Teil der Arbeit

Für Yevgenija war der Konflikt mit Russland ein besonderer Schock, denn ihre Familie stammt aus dem Osten des Landes – einer Region, die tendenziell eher prorussisch eingestellt ist. „Als die Russen in die Ukraine einmarschiert sind, konnte ich das nicht fassen.“ Kann man bei so viel persönlicher Nähe noch die nötige journalistische Distanz wahren? „Ich versuche, objektiv zu sein, aber das ist eigentlich unmöglich. Schon allein, weil ich nur in den Gebieten arbeiten kann, die unter ukrainischer Kontrolle sind.“ Am schwierigsten für sie persönlich aber sei es, mit Anhängern der Separatisten zu sprechen. „Es gibt Menschen beispielsweise in Donbass, die immer noch zu Russland halten. In einigen Regionen empfangen die Leute nur russisches Fernsehen und sehen dessen Propaganda. Mit ihnen zu sprechen ist schmerzhaft.“

Ying und Yang einer freien Gesellschaft

Doch auch die ukrainischen Medien sind nicht unabhängig, denn die meisten von ihnen gehören Politikern oder einflussreichen Unternehmern. Das ist auch Yevgenija bewusst. Trotzdem sieht sie eine gute Entwicklung und hat nicht das Gefühl, in ihrer Berichterstattung eingeschränkt zu sein. „Wir sind in den letzten Jahren ein großes Stück vorwärts gekommen auf dem Weg zu unabhängigen Medien“, sagt sie. „In regionalen Medien ist eine neutrale oder kritische Berichterstattung leider immer noch so gut wie unmöglich. Bei 5 Channel können wir eher kritisch über Präsident Poroschenko und seine Regierung berichten.“ Dass das zumindest teilweise möglich ist, ist Yevgenija sehr wichtig. „Freie Medien und Demokratie sind wie Yin und Yang sie können ohneeinander nicht existieren. Medien müssen der Vermittler zwischen Gesellschaft, Politik und sozialen Institutionen sein.“

Zum Schluss frage ich Yevgenija nach ihrem Wunsch für die Zukunft der Ukraine. „Das Ende des Krieges.“ Und ihr größter Wunsch für ihre eigene Zukunft? „Auch das Ende des Krieges“, sagt sie und lächelt.