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„Auch ein Journalist kennt immer nur die eigene Wahrheit“

Glaubwürdiger Journalismus ist eines der großen Themen des Medienmagazins ZAPP. Redaktionsleiterin und Moderatorin Annette Leiterer über Vertrauensverlust, Selfie-Journalismus und was man machen kann, wenn ein Interviewpartner einfach die Wahrheit bestreitet.

Von Dominik Wüchner am 19. Juni 2018

Wann haben Sie das letzte Mal gelogen? 
Gegenüber anderen vor Weihnachten. Mir selbst gegenüber erst gestern. Und wenn Sie danach fragen: Es ging um Zeit-Management.

Wahrheit ist keine exakte Wissenschaft, ist nicht absolut. Woran erkennt ein Journalist die Wahrheit? 
Auch ein Journalist oder eine Journalistin kennt immer nur die eigene Wahrheit und wenn er oder sie das erkannt hat, ist das schon gut. Eine Journalistin oder ein Journalist kann aber erkennen, ob alle Seiten abgebildet sind, ob unabhängig voneinander mehrere Personen, Institutionen oder Dokumente ein Ereignis bestätigen. Er oder sie sollte das Handwerk beherrschen und erkennen, ob das, was er oder sie berichtet, intersubjektiv nachvollziehbar ist und eben das für das Publikum zusammentragen.

Ist die Wahrheit den Menschen immer zumutbar? 
Nein. Mich selbst hat wochenlang ein Bericht über die Tötung eines Babys in Ruanda verfolgt, als ich gerade Mutter geworden war. Der Bericht war unwidersprochen wahr und das Ereignis lag räumlich und zeitlich ziemlich weit weg, aber ich habe es kaum ausgehalten. 
 

Annette Leiterer

Moderatorin bei „markt“, Medizin-Redakteurin bei „Visite“ oder freie Autorin bei „Panorama“ – Annette Leiterer hat in der Vergangenheit schon viele Themenfelder umgegraben. Seit 2016 leitet sie beim NDR die Redaktion des Medienmagazins ZAPP.

 

Welche Anstrengungen braucht es, um den Vertrauensverlust in „die Medien“ zu bekämpfen? 
Das sind dieselben Anstrengungen, die es braucht, um Vertrauen zu behalten: Probleme von allen Seiten betrachten, Zusammenhänge recherchieren, konfrontieren, transparent mit Fehlern umgehen, das eigene Vorgehen nachvollziehbar machen, offen mit Unwissen umgehen, Meinungen von Tatsachen trennen, sich verständlich ausdrücken, die eigene Perspektive kennen und innerlich Abstand halten. Laut aktuellen Studien aus dem vorigen Jahr ist das Vertrauen in „die Medien“ übrigens wieder gewachsen.

Manche Journalisten verwechseln ihr subjektives Empfinden mit Fakten, Stichwort Selfie-Journalismus. Was halten Sie von diesem Trend? 
Ist das so? Haben Sie dafür Beispiele? Was unterscheidet den üblichen Bildbeleg „Ich war dort“ vom Selfie? Machen Journalisten mehr Selfies als Nicht-Journalisten? Wo publizieren sie diese – privat oder beruflich? Was macht einen Trend aus? Dazu habe ich nur Fragen und keine Antwort.

Gemeint sind damit Befindlichkeits- und Erlebnisberichte auf bento und Co. Reportagen, bei denen der Journalist im Vordergrund steht. In der Ich-Form geschrieben, vermitteln sie den Eindruck, objektiv zu berichten. Probleme von allen Seiten betrachten und Zusammenhänge recherchieren, spielt dabei häufig keine große Rolle. Als Beispiel fällt mir eine Geschichte ein, in der eine Redakteurin eine Burka überstreift und dann einen Tag zur Probe in der Gegend umherläuft. Es geht um Geschichten, die das, was der Autor erlebt hat, so darstellen, als ließe sich das universal verallgemeinern.
Wie kann denn ein Text, der in der Ich-Form geschrieben wurde, gleichzeitig Objektivität vermitteln? Das verstehe ich nicht. Ich halte die Ich-Form grundsätzlich für eine Offenlegung der Perspektive. Wichtig erscheint mir: Ist die Ich-Form für die Fragestellung geeignet? Für die Frage: Wie empfinde ich die Reaktionen in meinem Umfeld, wenn ich Burka trage, erscheint mir die Burka-Reportage in Ich-Form richtig. Für die Beantwortung der Frage, welche Rolle die Burka in der deutschen Gesellschaft spielt, ist es sicher nicht die einzig richtige Form. Der Perspektivwechsel kann durchaus Erkenntnisgewinn bringen, aber eben nicht auf alle Fragen.

Erinnern Sie sich an ein Interview, in dem es Ihnen nicht gelungen ist, Ihrem Gegenüber die Wahrheit zu entlocken? Wo Sie buchstäblich auf Granit gebissen haben? 
Ja, das war ein Interview zu einem Gesundheitsthema mit der damaligen Bundesgesundheitsministerin. Es ging um die Medikamenten-Positivliste. Ich habe mich einnebeln und von meinen Fragen abbringen lassen. Das war mein Fehler. Sehr viel härter hat das der österreichische Journalist Armin Wolf erlebt in einem Interview mit Christian Strache von der FPÖ. Es ging um eine Karikatur von einem Mann mit Manschettenknöpfen. Auf den Manschettenknöpfen waren Davidsterne abgebildet. Der Interviewpartner Christian Strache negierte das, dabei konnte ich es als Zuschauerin sehen. Das ist, was ein Journalist im besten Fall machen kann: Dem Zuschauer vor Augen führen, dass jemand die Wahrheit bestreitet.