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Nicht lauter erklären. Nur besser.

Wissensgesellschaft vs. Populismus: Wie gelingt es zivilgesellschaftlichen Akteuren, komplexe Fakten zu vermitteln? Wir haben beim March for Science und bei Greenpeace nachgefragt.

Von Kathrin Legermann und Kiana Yasaei am 19. Juni 2018

March for Science: „Fakten brauchen Narrative.“

Welchen Beitrag leistet der March for Science, um das wissenschaftliche Streben nach Wahrheit zu ermöglichen?

Anja Wagemann: Wie wir es auch immer anstellen, das wichtigste Ziel muss sein, das Vertrauen in die wissenschaftliche Forschung zu stärken. Und Vertrauen entwickelt sich über Menschen.

Jens Jäger: Genau da setzt der weltweite March for Science an. Er bringt überall Forschende mit Menschen zusammen, die bisher in vielen Fällen wenig Kontakt zur Welt der Wissenschaft hatten. Im Gespräch miteinander lernen beide Seiten, was der anderen wichtig ist – für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die immer im Dienste der Allgemeinheit forschen, kann das besonders lehrreich sein.

In der Öffentlichkeit sind „alternative Fakten“ häufig lauter als gut begründete Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Was muss sich in der Forschungskommunikation ändern, um dem entgegen zu wirken?

Anja Wagemann: Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass sich das Gute und Richtige schon durchsetzt. Die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig begründet in ihrem Buch „Lügen im Netz“, warum Populisten so erfolgreich sind: Sie bedienen sich ganz selbstverständlich der sozialen Medien. Sie verfolgen hartnäckig ihre Ziele. Und sie haben die besseren Narrative. Der Hinweis auf Fakten allein reicht also nicht. Auch wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen unsere Inhalte in Narrative kleiden – in sympathische oder auch mal in dramatische, falls nötig. Dabei können wir uns nicht mehr allein auf die bewährten Wege der Wissenschaftskommunikation verlassen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen aktiv den Diskurs in den sozialen Medien mitgestalten. Viele tun das bereits. Manche aber immer noch auf eine Art und Weise, die ein leises Unbehagen erkennen lässt.

Jens Jäger: Wir brauchen mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die selbst gut und gerne mit anderen Menschen über ihre Arbeit sprechen. Wenn sie dafür Weiterbildung, zusätzliche Kompetenzen und Werkzeuge brauchen, sollten sie diese auch erhalten.

Anja Wagemann und Jens Jäger

sind Historiker. Sie organisieren die Demonstrationen für den March for Science Rheinland. Die weltweite Bewegung setzt sich für die Freiheit der Wissenschaft ein.

Welche Gefahr stellen „alternative Fakten“ für die Wissenschaft und die Gesellschaft dar?

Anja Wagemann: Um Entscheidungen treffen zu können, brauchen Menschen Informationen. Sind diese nun aber extrem widersprüchlich, verlieren wir den Überblick, welchen Berichten wir noch trauen können. Das Ergebnis: Verwirrung und Unsicherheit. Die Menschen haben das Gefühl, auf nichts sei mehr Verlass. Das Vertrauen in die tägliche Berichterstattung, in Forschungsergebnisse und auch die Arbeit von Abgeordneten ist aber existentiell für unsere demokratische Gesellschaft. Deswegen müssen wir immer wieder deutlich machen, dass Fakten nicht beliebig sind. Es gibt keine „alternativen Fakten“. Fakten müssen immer evidenzbasiert und somit nachvollziehbar und kontrollierbar sein. Sind sie das nicht, sind sie schlicht Behauptungen – im schlimmsten Fall Lügen. Und als solche müssen wir sie auch bezeichnen.

 

„Science is the Poetry of Reality”

In vielen Ländern werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterdrückt oder sogar verfolgt. Aber auch in Demokratien stehen zahlreiche Menschen der Wissenschaft skeptisch gegenüber, leugnen Tatsachen oder hängen Verschwörungstheorien an. Mehr als eine halbe Million Menschen weltweit gingen deshalb Mitte April für die Wissenschaft auf die Straße – in Deutschland in insgesamt 20 Städten, hier beim March for Science Rheinland. (© Swenja Böttcher/March for Science)

Greenpeace: „Ein Kanal für alle? Die Zeiten sind vorbei!”

Im Einsatz für die Wahrheit – was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit als Leiter der Rechercheabteilung von Greenpeace?

Dr. Manfred Redelfs: Greenpeace als Umweltschutzorganisation stützt die eigene Arbeit auf belegbare Tatsachen, die einer Überprüfung durch Dritte standhalten. Wir beziehen uns auf wissenschaftliche Studien, dokumentieren eine Umweltbedrohung anhand von Messdaten oder Fotos einer Vorort-Recherche, die zum Beispiel Kahlschläge im Wald festhält. Und wir greifen auf Primärquellen für die verwendeten Informationen zurück. Nicht verifizierte Berichte, wie irgendwelche Blogbeiträge oder Berichte vom Hörensagen, reichen als Grundlage natürlich nicht aus.

Dr. Manfred Redelfs

leitet die Rechercheabteilung von Greenpeace Deutschland und ist freiberuflicher Recherchetrainer. Er hat in Hamburg, Washington, Berkeley und Oxford Politikwissenschaft und Journalistik studiert und über investigativen Journalismus in den USA promoviert. 

Wie vermitteln Sie als zivilgesellschaftlicher Akteur Wahrheit?

Dr. Manfred Redelfs: Greenpeace möchte natürlich viele Menschen erreichen. Deshalb verlassen wir uns nicht nur auf unsere eigenen Kanäle wie die Greenpeace Nachrichten, die Homepage, Online-Botschaften bei Twitter und Facebook oder unsere Newsletter, sondern versuchen auch, in der Berichterstattung der Zeitungen und des Fernsehens eine Rolle zu spielen. Das ist notwendig, wenn wir eine öffentliche Debatte anstoßen wollen. Zudem prüfen Journalistinnen und Journalisten unsere Infos dann nochmals, was ihre Glaubwürdigkeit stärkt. Wenn die „Tagesschau“ über ein Umweltproblem berichtet, hat das natürlich einen größeren Effekt als wenn es nur von uns verbreitet wird. Wichtig ist aber auch die direkte Kommunikation: Wir haben ein öffentlich zugängliches Besucherzentrum mit Ausstellung in Hamburg. Dort können Bürgerinnen und Bürger ihre Fragen loswerden und direkt mit Greenpeace-Mitarbeitenden sprechen.  

Wie gehen Sie mit der Herausforderung um, Wahrheit zu vermitteln, ohne zu überfordern?

Dr. Manfred Redelfs: Viele unserer Themen sind komplex. Wir versuchen, sie so zu vermitteln, dass die Relevanz klar wird und wir Neugierde wecken. Dazu bieten wir unsere Informationen je nach Zielgruppe und Wunsch nach Vertiefung in verschiedenen Formaten an: Wer möchte, kann uns auf Twitter oder Facebook folgen und so auf dem Laufenden bleiben. Online bieten wir sowohl kurze Artikel und Fact Sheets von einer Seite zu einem Umweltthema an als auch detaillierte Studien. Und wer eher visuell orientiert ist, findet bei uns Flyer, die stärker auf die Optik setzen, Instagram-Stories und Erklärvideos. Die Zeiten, in denen es einen Kommunikationskanal für alles und alle gab, sind lange vorbei.