Menu

Wa(h)re Fotos

Menschen halten für wahr, was sie sehen. Das gilt auch für Fotos, obwohl diese extrem manipulierbar sind. Über Wahrheit und Verantwortung im Fotojournalismus.

Von Nannette Remmel am 19. Juni 2018

Unser Glaube an Fotos sitzt tief. Wenn Text und Bild sich widersprechen, trauen Menschen eher dem Bild. Auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass wir nahezu blind in das vertrauen, was wir sehen. Bilder stechen uns in allen Medien als erstes ins Auge. Oft beschäftigen wir uns mit ihnen länger als mit den Texten. Sie prägen die Wahrnehmung stark, und damit auch das, was wir für die Wahrheit halten.

„Der Zeichner kann sich was ausdenken. Der Fotograf nicht“, glaubte Schriftsteller Kurt Tucholsky noch in den 1920er Jahren. Doch waren Fotos jemals wahr? Schon in der Anfangszeit tricksten Fotografen in der Dunkelkammer. Sie schärften Bildstellen oder hellten sie komplett auf. Und wenn es politisch gefordert war, wurden auch schon mal Menschen aus den Fotos geschnitten. Traurige Berühmtheit in der Manipulationsgeschichte erlangte ein Foto Lenins während einer Rede 1920. Trotzki und Kamenew – im Original noch darauf zu sehen – fielen später beim herrschenden Regime in Ungnade und starben den Retuschetod.

Manipulierte Bilder erkennen

Wie schlecht Menschen darin sind, im Nachhinein manipulierte Fotos zu erkennen, zeigen Experimente von Psychologen. Prüfen Sie mit diesem Online-Test, ob Sie manipulierten Fotos auf die Schliche kommen.

 

Mit wenigen Klicks zur Manipulation?

Früher war das zeitaufwändig. Im Zeitalter von Photoshop kann jeder Anfänger solche nachträglichen Veränderungen in wenigen Klicks bewerkstelligen. Das kann verführerisch sein, insbesondere wenn Fotografinnen und Fotografen um das beste Bild konkurrieren. Konnten wir Fotos früher – abgesehen vielleicht von ein paar politisch motivierten Ausrutschern – noch eher trauen? Entsprachen sie damals etwa häufiger als heute der Wahrheit?

„Es gibt keine objektive Fotografie, sie ist immer subjektiv“, sagt Roland Geisheimer, Vorsitzender von Freelens, dem größten deutschen Berufsverband für Fotojournalisten und Fotografen. Schon wenn jemand mit einer Kamera um den Hals irgendwo hinkomme, greife er oder sie ins Geschehen ein. „Menschen verhalten sich in der Regel ganz anders, wenn sie wissen, dass sie fotografiert werden“, weiß Geisheimer. Hinzu kommt, dass der Fotograf ohnehin eher das wahrnimmt, was er gerade sucht. „Ich fokussiere mich ja vor Ort auf die Geschichte, die ich erzählen möchte“, sagt der Fotojournalist. „Viele Menschen glauben immer noch, dass das auf dem Foto genau die eine Wahrheit ist. Tatsächlich liegt das, was wahrhaftig ist, aber vor allem im Auge des Betrachters.“

Wahre Fotos gibt es also gar nicht? Wenn das so ist: Was heißt das dann für die Branche? Kann dann eigentlich jeder machen, was er möchte?

Leitlinien für objektive Fotografie

Ganz so einfach machen es sich Fotografen und Medien nicht. Nach Skandalen um veröffentlichte manipulierte Bilder verboten die großen Medienhäuser ihren Fotografen und Mitarbeitenden bestimmte Bearbeitungstechniken. Sie stellten Bildforensiker ein, bekannt auch als sogenannte Pixeldetektive, die Manipulationen aufspüren. Manche Redaktionen lassen von Fact-Checkern prüfen, ob ein Video tatsächlich dort entstand, wo es vorgibt, gedreht worden zu sein.

Die ganze Branche diskutiert ihre seit Jahrzehnten geltenden ungeschriebenen Regeln neu. Jetzt geht es darum, sie ins digitale Zeitalter zu übersetzen. Auch die Fotografinnen und Fotografen selbst formulieren neue Leitlinien. „Wir wollen, dass das Publikum der Echtheit der Bilder, die Preise gewinnen und in unserer Ausstellung gezeigt werden, vertrauen kann“ heißt es im ersten Ethikkodex des World Press Photo Award (2015). Sowohl das Inszenieren von Fotos als auch das Löschen von Pixeln und das Basteln von Collagen aus mehreren Fotos gelten jetzt als Manipulation – und damit als Tabu. Der Vorstand von FreeLens erstellte ebenfalls umfassende Leitlinien. Möglichst objektiv sollen Fotos sein, unabhängig, nicht inszeniert durch Fotografen oder Dritte. Leitlinien, die nach Ansicht von FreeLens-Vorstand Roland Geisheimer die Haltung der meisten Fotojournalisten widerspiegeln. „Ich habe noch keinen getroffen, der das anders sieht. Ob sich auch jeder daran hält, ist natürlich eine andere Frage“, gibt er zu.

Schon gewusst?

22 Prozent aller Einsendungen in der finalen Runde des World Press Photo Award sortierte die Jury 2016 aus – wegen zu starker digitaler Bearbeitung. Der World Press Photo Award ist der weltweit wichtigste Wettbewerb für Fotojournalisten.

Zur „Fliege an der Wand“ werden

Auch der Fotojournalist und World Press Photo Award-Gewinner Julius Schrank findet es nötig, in der Branche über Ethik zu diskutieren. Er selbst würde noch nicht einmal bei einem Unternehmensporträt eine störende Steckdose „wegstempeln“, sagt er. „Das ist mein Prinzip und solche Prinzipien sind wichtig.“ Am liebsten fotografiert er aber Reportagen und gibt Einblicke in fremde Welten. Um dabei der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, ist für ihn Zeit der zentrale Faktor. Nur so könne er als Fotograf zur „Fliege an der Wand“ werden. „Wenn ich in Gegenden unterwegs bin, in denen ich auffalle wie ein Alien, brauche ich manchmal Wochen, um mich zu integrieren“, berichtet er. „Erst wenn die Menschen vergessen, dass ich da bin, kann ich sie abbilden, wie sie sind.“ Schrank hält sich bei den technischen Bearbeitungen an strenge Prinzipien. Er differenziert aber bei der Inszenierung: „Für eine Reportage würde ich niemals eine Situation arrangieren, die es so nie gab. Bei einem Symbolfoto ist das aber etwas völlig anderes.“ Dass er einmal seine Freundin mit ihrem Smartphone als Protagonistin einsetzte, um den schlechten Empfang in Bürogebäuden zu simulieren, kratzt für ihn nicht an der Berufsehre.

Was ist das wahre Shanghai?

Eine Stadt mit vielen Gesichtern: Beide unten gezeigten Fotos von der Skyline Shanghais kommen aus der Kamera von Peter Bialobrzeski. Beide entstanden kurz nach Sonnenuntergang, am selben Ort und Tag im Jahr 2010, in einem Abstand von nur 15 Minuten. Während das hellere Foto viel von der urbanen Struktur Shanghais zeigt, zeichnet das andere – trotz nur leicht veränderter Technik – ein komplett anderes Bild der Stadt. Es suggeriert viel mehr als es zeigt. Trotz ihrer Verschiedenheit ist keines der Bilder wahrer als das andere. Das hellere Bild erschien im Jahr 2012 im Buch „The Raw and the Cooked“, das Foto mit dem hohen Kunstlichtanteil wurde später Titel des Magazins „National Geographic“. 

© Peter Bialobrzeski

 

Fotografen als ferngesteuerte Maschinen?

Auch World Press Photo Award-Gewinner Peter Bialobrzeski folgt eigenen Prinzipien für Wahrhaftigkeit. Seine Bilder erschienen schon in GEO, Merian und der ZEIT. Bialobrzeski hat einen Namen in der Branche – und eine klare Position. Allzu enge technische Begrenzungen hält der Fotograf nicht für sinnvoll. In seinen Fotodokumentationen über Städte setzt er auch schon einmal mehrere Bilder zusammen – nach dem Ethikkatalog der FreeLens ein absolutes No-Go. „Ich sehe in Bildbearbeitungen nur dann eine Manipulation, wenn ich für einen bestimmten Zweck manipuliere“, erklärt Bialobrzeski, der als Professor für Fotografie an der Hochschule für Künste in Bremen lehrt. Dass die Agentur Reuters seit den Manipulationsskandalen nur noch Bilder im jpg-Format annimmt, empfindet er als Entmündigung. Denn während die Fotografen im raw-Format selbst bestimmen können, wie die Farben aussehen, lässt sich bei einem jpg-Bild daran nichts mehr drehen. Die Fotografen müssen die Farbe so nehmen, wie „irgendein Macher im Silicon Valley das entschieden hat“. Reuters mache die Fotografen mit dieser Vorgabe „zu ferngesteuerten Maschinen.“

Allgemeingültige Regeln zu formulieren ist also gar nicht so einfach. Noch schwieriger erscheint es, diese Regeln zu kontrollieren. Pixelverschiebungen können leicht entlarvt werden – durch eine Prüfung der Rohdaten. Aber ob ein Fotograf eine Szene inszeniert oder allein durch seine Anwesenheit verändert hat, lässt sich schwer prüfen. Sind es diese Haltungsfragen, die man eigentlich ehrlicher miteinander diskutieren müsste? Ja, meint Bialobrzeski. Den Medien wirft er vor, dass sie zu leichtfertig auf viele Bildquellen zurückgreifen, um Geld oder Zeit zu sparen. „Glaubwürdigkeit lässt sich nur durch vertrauensvolle Beziehungen zu den Fotografen zurückerlangen“, sagt er. „Und vielleicht muss ja auch nicht immer jedes Bild gezeigt werden?“

Lernen, Bilder wie Texte zu „lesen“

Entstehen Bilder, indem sich ein Fotograf von einer Kriegspartei herumfahren ließ, sollte das nicht nur der Fotograf gegenüber der Redaktion offenlegen. Das Medium muss das auch seinem Publikum vermitteln, beispielsweise in Bildunterschriften, sagt Bialobrzeski. „Passiert das nicht, macht die Redaktion sich schuldig.“ Entsprechend gekennzeichnet werden müssten alle inszenierten Fotos, für die die Medien den Protagonisten Geld bezahlt haben. „Redaktionen dürfen im Bildtext nicht suggerieren, der Fotograf habe das Bild zufällig unterwegs vorgefunden.“

„In unserer Kultur des Wortes kommt das Lesen und Entschlüsseln von Bildern immer noch viel zu kurz“, meint Bialobrzeski. Wir halten zu schnell für wahr, was wir sehen. Sollten also nicht nur die Fotografen und Medienleute mehr über ihre ethischen Standards diskutieren, sondern auch wir als „Endkonsumenten“ der Fotos? Bialobrzeski zumindest hält es für überfällig, dass wir lernen, mit Fotos genauso kritisch umzugehen wie mit Texten. Ein Anfang könnte sein, von den Medien noch mehr Transparenz über Quellen und Bearbeitungstechniken einzufordern.

 

Beim SocialSummit „Für | wahr | halten: Eine Frage der Sichtweise?“ am 21. und 22. Juni 2018 im artloft.berlin diskutiert Peter Bialobrzeski mit weiteren Experten darüber, wie sich Wahrheit vermitteln lässt.

Nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit?

Bildinhalte entfernen oder hinzufügen – das gilt bei den meisten Fotojournalisten als No-Go und führt bei den großen Foto-Awards zur Disqualifizierung. Auch Bildagenturen verbieten es in ihren Arbeitsverträgen. Fotos aufzuhellen, abzudunkeln und auf einen Ausschnitt zu reduzieren ist hingegen weitgehend akzeptiert. Aber ist es wirklich moralisch unverwerflich, nur einen Ausschnitt zu zeigen? Wie verändern Ausschnitte die Aussage des Bildes? Wann endet die Wahrheit, wann beginnt die Manipulation? 

Fallschirmspringer: © Joe Desousa/Unsplash