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Kein Ort für Zwischentöne

Skinny Jeans statt Lichtenhagen-Jogginghose: Neurechte wie die Identitäre Bewegung haben das Internet verstanden. Die etablierten Parteien hinken hinterher und müssen sich entscheiden, wie sie im Netz kommunizieren wollen.

Von Tobias Kreutzer am 5. Dezember 2018

Im Oktober 2018 hatten mehr Menschen die Facebook-Seite der Bundes-AfD mit „Gefällt mir“ markiert, als jene von CDU und SPD zusammengenommen. Das populärste Soziale Netzwerk Deutschlands wirkt damit als Zerrspiegel der politischen Kräfteverhältnisse in der Bundesrepublik: Neutralen Beobachterinnen und Beobachtern muss die bloß 30.000 Mitglieder starke Partei, die bundesweit auf knapp 15 Prozent der Wählerstimmen hoffen kann, in der digitalen Parallelwelt wie die eigentliche Volkspartei des Landes erscheinen. Erst vor diesem Hintergrund wird der verzweifelte Trotz, der dem Post-Chemnitz-Hashtag #wirsindmehr innewohnt, sichtbar: Eine Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken.

Tempo trumpft Quellenlage

Die Anhänger von AfD und außerparlamentarischen Gruppierungen wie Pegida und der Identitären Bewegung beschränken sich in ihren Web-Interaktionen aber nicht nur auf die eigenen geschlossenen Zirkel, sondern äußern sich oft lautstark in einschlägigen Kommentarspalten und öffentlichen Beiträgen.   

Wahrheitsgehalt und Quellenbasis spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Bewiesen hat das beispielsweise die stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Beatrix von Storch, als sie im unmittelbaren Nachgang der Münsteraner Amokfahrt zunächst Falschinformationen verbreitete und diese dann postwendend umdeutete. Auch die Forderung nach Schusswaffengebrauch gegen Kinder an deutschen Außengrenzen erklärte sie durch ein „Ausrutschen“ auf ihrer Computer-Maus (Twitter: #mausgerutscht).

"Emotionale Entdifferenzierung"

Durch starre Freund-Feind-Schemata findet im Populismus eine Entmenschlichung der anderen Seite statt. Sie äußert sich in abwertenden Kollektivbezeichnungen wie „System“ und „Lügenpresse“ oder Bedrohungsmetaphern wie „Flut“, „Welle“ und „Seuche“ in Bezug auf Flüchtlinge.

Es gedeiht der Populismus 2.0

Diese Art der Kommunikation hat zwar Tradition, gedeiht jedoch besonders üppig in einem politischen Klima, in dem die Existenz objektiver Fakten teilweise von höchster Stelle in Frage gestellt wird und unabhängige Journalisten zu politischen Feindbildern erklärt werden. Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer diagnostiziert Populisten ein generelles Defizit verständnisorientierter Kommunikation. An ihre Stelle träten „Anklage, Anprangern und verschiedene Formen der Verdächtigung.“ Populistische Botschaften funktionierten zudem nur über ein gehöriges Maß „emotionaler Entdifferenzierung“.

Mit 280 Zeichen bietet ein Tweet keinen Platz für abwägende Analysen. So verstärken sich Parolen und Verkürzungen in einer gut vernetzten Community Gleichgesinnter ins Unendliche. Populismus 2.0 – oder in den Worten von Götz Kubitschek, einem der zentralen Vordenker der Neuen Rechten: „Man muss als Neuling heute provozieren, um noch wahrgenommen zu werden.“ 

Rechts ist wieder cool

Aktuell haben vor allem die Populistinnen und Populisten des rechten Spektrums die Dynamiken Sozialer Netzwerke erkannt und adaptieren sie für ihre Provokationen und Aufmerksamkeitsmomente. Die Identitäre Bewegung kokettiert mit hippen Webdesigns, Modebewusstsein und Jugendlichkeit. Rechtskonservativismus ist jetzt „Identität“, statt Lichtenhagen-Jogginghose trägt man Skinny Jeans.

„Handlungen der Abgrenzung werden in den sozialen Netzwerken nicht mehr moralisch, sondern nur noch ästhetisch bewertet“, heißt es beim deutsch-polnischen Soziologen Zygmunt Bauman. 

Durch die Identitäre Bewegung und Übersee-Vorbilder wie die US-amerikanische „Alt Right“ gehen Hipstertum, Instagram-Filter und veganes Essen in das Instrumentarium neurechter Strateginnen und -strategen über. Kombiniert mit klassischen Motiven populistischer Ansprache durchsetzen sie das Social Web nun zunehmend.

 

Kommt die Rückeroberung durch die liberale Mitte?

Aktuell mehren sich die Versuche, das Feld der digitalen Kommunikation von den Rechten zurückzuerobern. Mit dem Hashtag #ichbinhier machen Nutzer einander auf Kommentarspalten aufmerksam, in denen die Debatte ins Hetzerische abzudriften droht und unterstützen die eigenen moderaten Beiträge gegenseitig durch „Likes“. Im April gründete der Satiriker Jan Böhmermann mit „Reconquista Internet“ eine online-basierte Bürgerrechtsbewegung. Deren mehr als 60.000 Mitglieder setzen sich dafür ein, den gesellschaftlichen Diskurs in den Sozialen Netzwerken zu „zivilisieren“. Dass zu diesem Zweck auch eine Liste mit vermeintlich rechtsextremen Twitter-Accounts öffentlich gemacht wurde, rief jedoch auch Kritik an den Methoden der Aktivistinnen und Aktivisten hervor, da dadurch ein digitaler Pranger errichtet werde. 

Klar ist: Die etablierten Parteien werden in den Sozialen Netzwerken aktuell von rechts überholt. Früher oder später müssen sie entscheiden, ob und inwieweit sie sich den Dynamiken einer Aufmerksamkeitsumgebung unterordnen wollen, die das Spontane, Eindeutige und Oberflächliche belohnt.