Menu

„Endlich sagt’s mal einer!“

Mit Verschwörungstheorien gegen Verschwörungstheorien – funktioniert das? Die Macher von „Wahre Welle TV“ meinen: ja!

Von Kay Hinz am 5. Dezember 2018

Cornelius Strobel, Referent bei der Bundeszentrale für politische Bildung
„Durch Überspitzung möchten wir zeigen, wie absurd Verschwörungstheorien sind.“ Cornelius Strobel ist Referent bei der Bundeszentrale für politische Bildung und verantwortet das Format „Wahre Welle TV“.

Politische Bildung mal anders: Mit der satirischen Videoreihe „Wahre Welle TV“ geht die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) neue Wege. Sechs Filme stellen die bekanntesten Verschwörungstheorien dar – jedoch auf eine skurrile, realitätsferne Weise, um schließlich deren fehlende Logik zu entlarven. Dass hier die bpb dahintersteckt, war zunächst nicht erkennbar und hat die Debatte um die Videos im Netz angeheizt. So wurde „Wahre Welle TV“ sogar in einschlägigen Foren als neues Alternativ-Medium beworben.

Wir haben mit Cornelius Strobel, bei der bpb verantwortlich für „Wahre Welle TV“, darüber gesprochen, wie man mit satirischer Überspitzung die Medienkompetenz junger Menschen stärken kann.

Cornelius Strobel

ist Referent im Fachbereich Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung. Er ist hier zuständig für die Themengebiete Rechtsextremismus und Rechtspopulismus und fokussiert sich dabei auf neue Formatansätze, insbesondere im digitalen Raum.

Herr Strobel, mit „Wahre Welle TV“ setzen Sie direkt an anderen Verschwörungstheorien an. Was ist das Konzept dahinter?
Im Netz gedeihen Verschwörungstheorien besonders gut. Sie können sich schnell verbreiten. Die Zielgruppe möchte häufig gar nicht nach weiteren Antworten auf Fragen suchen, wenn die gelieferten Antworten die eigene Überzeugung bestätigen. Verschwörungstheorien sind im Extremismus stark verbreitet, neben dem rechtsextremen auch im salafistischen Spektrum. Deshalb wollten wir uns dem Thema auf diesem Wege nähern. Unser Ziel ist, junge Menschen mit unseren Inhalten zu erreichen. Wir wollen ihnen vermitteln, dass man nicht alles glauben sollte, was man im Netz findet – vor allem, wenn der Absender nicht deutlich wird. Indem wir Verschwörungstheorien verbreiten und sie später auflösen, wollen wir den Blick der Nutzerinnen und Nutzer schärfen und eine kritische Auseinandersetzung mit politischen Themen im Netz fördern.

Und auf diese Art erreichen Sie Fans von Verschwörungstheorien?
Mit unserem Format Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien von kruden Thesen abzubringen, ist nicht unser Ziel. Das ist für uns als Bundesinstitution auch nur schwierig zu schaffen. Wir wollen Jugendliche und junge Erwachsene erreichen, die politisch interessiert sind und jene, die man als radikalisierungsgefährdet bezeichnen kann. Durch Überspitzung möchten wir ihnen zeigen, wie absurd Verschwörungstheorien sind und wie wenig sie einer Überprüfung standhalten. Insofern bedienen wir zwei Säulen: Unterhaltung und Information. Es war uns auch wichtig, nicht die Personen bloßzustellen, die von Verschwörungstheorien irregeleitet werden. Wir wollen in den Vordergrund stellen, wie absurd die sogenannten Theorien sind.

Wahre Welle TV

Der fiktive Online-Kanal "Wahre Welle TV" thematisiert bekannte Verschwörungstheorien in satirischen Clips. Mit den Videos will die Bundeszentrale für politische Bildung absurde und wirklichkeitsverzerrende Argumentationsmuster von Verschwörungstheorien entlarven. www.bpb.de/wahrewelle

Was gab es für Reaktionen auf „Wahre Welle TV“? Die Szene der Verschwörungstheoretiker muss doch vor Wut geschäumt haben.
Zunächst hat die Szene nicht geschäumt, sondern applaudiert. Wir haben die Videos veröffentlicht, ohne uns sofort als Bundeszentrale für politische Bildung erkennen zu geben. Ob es darum ging, dass die USA die Anschläge vom 11. September inszeniert hätten oder ob Chemtrail-Flugzeuge unser Wetter beeinflussen – vielfach wurden die Videos mit „Endlich sagt’s mal einer!“ kommentiert. Nach vier Tagen haben wir uns als Absender zu erkennen gegeben. Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker haben uns dann bekannte Vorwürfe von Staatspropaganda und der Unterdrückung von Wahrheit entgegengeschleudert.

Und wie haben andere Internetnutzerinnen und -nutzer reagiert?
Was nach unserer selbstgewählten Enttarnung folgte, war eine Vielzahl positiver Reaktionen von jungen, interessierten Leuten, die sich die Videos mit einem Augenzwinkern angeschaut hatten. Diese Reaktionen so mitzubekommen, ist nur in den Sozialen Medien so schnell und ungefiltert möglich. Aus der Debatte in den Netzwerken und aus dem Medienecho zu unserem Format entstand eine Diskussion über Medienkompetenz im Netz und der Wahrnehmung von (vermeintlichen) Fakten. Genau das wollten wir erreichen.

Das Format lebt von der Überraschung. Dieser Effekt verpufft schnell. Wie kann das Format denn langfristig wirken?
Der Überraschungsmoment war vorhanden und hallt nach. Wer die Videos nicht kennt, wirkt noch immer irritiert. Das Lernen erfolgt mit der Auflösung beim nächsten Klick. Allerdings ist die Überraschung nicht allein maßgeblich: Auch wenn Zuschauerinnen und Zuschauer direkt erkennen, wer der Absender ist, setzen sie sich mit der Frage auseinander, wie schnell man Inhalte aus dem Netz für bare Münze nehmen und ungeprüft weiterverbreiten sollte. Daher ist geplant, „Wahre Welle TV“ zur didaktischen Nutzung für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aufzubereiten. 

„Wahre Welle TV“ ist nicht unbedingt ein Format, das man von der Bundeszentrale erwartet hätte – vor allem, weil Sie anfangs inkognito unterwegs waren. Nehmen Sie Guerilla-Methoden nun dauerhaft in Ihren Instrumentenkoffer auf?
Um wahrgenommen zu werden und neue Zielgruppen zu erreichen, müssen wir uns Gedanken über neue Wege machen. Das Netz bietet die Möglichkeiten und in unserem Haus gibt es genügend offene Ohren für innovative Formate. Wissen mit humoristischen Elementen oder mit Satire zu vermitteln, ist generell tragfähig. Wie wir dies als Bundeszentrale für politische Bildung nutzen, wird auch weiterhin stark vom Themengebiet abhängen. Letztlich geht es darum, mit unserer Arbeit zu den Leuten durchzudringen, die wir erreichen wollen. Nur wenn uns das gelingt, haben wir unsere Arbeit gut erledigt.