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„Reden alleine reicht nicht“

30 Jahre neues handeln – ein Gespräch mit den Vorständen Irmgard Nolte und Heiner Widdig über Wertschätzung und Wertschöpfung.

Die Fragen stellte Katja Völker (2002 erste Volontärin von neues handeln am Berliner Standort) am 21. Mai 2019.

Irmgard, du hast neues handeln vor 30 Jahren gegründet. Viele Menschen denken bei 1989 an das Jahr großer politischer Umwälzungen. Andere Menschen – darunter viele unserer Kolleginnen und Kollegen – waren noch nicht einmal geboren. Woran erinnerst du dich?

Irmgard Nolte: Natürlich denke ich als erstes an den Fall der Mauer. Ich bin in Zeiten des Kalten Krieges groß geworden. 1989 ist aber auch das Jahr der Gründung von neues handeln. Im Januar habe ich mit Unterstützung eines studentischen Mitarbeiters die Agentur gegründet. Mein Vorsatz war, einen ersten Auftrag in 1989 zu generieren, andernfalls wollte ich die Agentur wieder schließen. So war das erste Jahr geprägt von der Aufgabe, Kontakte zu knüpfen und Angebote zu erstellen. Zum Glück habe ich schon immer gerne telefoniert. Der erste Auftrag kam dann im November, also zeitgleich mit dem Mauerfall, von der Verbraucher Initiative Bonn.

Haltung durch Handeln

Kommunikation als Dienstleistung war damals stark verbunden mit Werbung und Unternehmenskommunikation. Was war dein Impuls, neues handeln als Agentur ausschließlich für den Nonprofit-Bereich zu gründen?

Irmgard Nolte: Nach meinem Studium habe ich zwei Jahre in einer kleinen Marketingagentur gearbeitet, deren Schwerpunkt auf Dialogmarketing für kleine und mittelständische Unternehmen lag, damals hieß das noch Direktmarketing. Zu den Kunden zählten ein Rechenzentrum, ein Getränkelieferant oder eine Feinkost-Manufaktur, alles sehr nette Kunden aber deren Vermarktung reizte mich nicht. Damals gab es die ersten Kürzungen der öffentlichen Hand für soziale Anliegen, vor allem im Jugendbereich. Es hat mich geärgert, dass niemand Partei für diese Institutionen ergriffen hat. Wäre der Kölner FC von den Kürzungen betroffen gewesen, hätte es einen Aufschrei der Entrüstung gegeben.

Und wie kam es zum Agenturnamen?

Irmgard Nolte: Mir war immer bewusst, dass reden alleine nicht ausreicht. Meine Intention für neues handeln war und ist, Gesellschaft zu gestalten. Meiner Meinung nach tragen wir als Kommunikationsagentur zu einem demokratischen, gerechten und zukunftsfähigen Miteinander bei. Und das schaffen wir durch unsere Haltung und unser Handeln. Aufgaben in das Zentrum der Agentur zu stellen, mit denen aus damaliger Sicht kein Geld zu verdienen war, ein Unternehmen zu führen und gleichzeitig Kinder groß zu ziehen, ein faires und wertschätzendes Miteinander im Team zu praktizieren, das gab es in der damaligen Agenturlandschaft so gut wie nicht. Mir war wichtig zu zeigen, dass das möglich ist. Mir ging es – kurz gesagt – darum, neu zu handeln.

Irmgard Nolte...

... ist Vorstand und Gründerin der Agentur neues handeln. Nach einem Studium der Germanistik und Geschichte setzte sie 1989 mit neues handeln als eine der Ersten auf eine Kommunikationsagentur, die sich ausschließlich gesellschaftspolitischen und sozialen Themen widmet.

Politik verständlich vermitteln

Knapp 15 Jahre später, im Jahr 2003, bist du, Heiner, zu neues handeln gestoßen – als PR-Mann aus einer internationalen Netzwerkagentur. Damals arbeiteten am Berliner Standort von neues handeln noch nicht einmal fünf Mitarbeitende. Was hat dich an neues handeln gereizt?

Heiner Widdig: Zwei Aspekte fand ich bei neues handeln spannend: Einmal die konsequente Fokussierung auf gesellschaftspolitische und soziale Kommunikation. Dies auch in Berlin auszubauen, hat mich gereizt. Zugleich der Anspruch von neues handeln, eine Agentur erfolgreich gestalten zu können, die sich nicht nur an Profitmargen und Wachstumsraten ausrichtet, sondern Wertschätzung, Respekt und Fairness als Wertschöpfung in den Mittelpunkt stellt. Als ich Irmgard kennenlernte, haben wir schnell festgestellt, dass wir sehr ähnliche Zielvorstellungen haben.

Mittlerweile ist neues handeln an beiden Standorten kontinuierlich gewachsen. Um uns herum hat sich die Kommunikationswelt enorm verändert. Was sind aus eurer Sicht die wichtigsten Veränderungen und was ist gleichgeblieben?

Irmgard Nolte: In meinen Augen ist ganz klar die Digitalisierung die treibende Kraft für die Veränderungen. Die ersten Angebote von neues handeln habe ich noch auf der Schreibmaschine geschrieben. Darüber hinaus haben sich die Sparten aufgelöst. Gab es früher reine Werbe-, PR- oder Direktmarketing-Agenturen, sprechen wir heute nur noch von Kommunikationsagenturen. Gleichzeitig wird die Anforderung an spezielles Expertenwissen immer größer, sei es im Bereich Digitales, Bewegtbild oder Inszenierung und Dialog. Gleich geblieben ist unser Name, unser Profil, unsere Leidenschaft, uns mit gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen und diese zu kommunizieren. Gleichgeblieben ist aber auch die Lust auf Veränderung.

Heiner Widdig: Deutlich verbessert hat sich die Professionalität der Kommunikation und der Öffentlichkeitsarbeit der politischen Akteure. Wir nehmen wahr, dass die politischen Organisationen mittlerweile viel zielgruppendifferenzierter agieren. Der Bedarf, dass Politik sich erklären, sich vermitteln muss, ist aber ungebrochen hoch. Für eine lebendige Demokratie brauchen wir mehr denn je eine gute Dialog- und Debattenkultur. Dazu wollen wir beitragen.

Zusammenhalt fördern

neues handeln hat sein Profil als Agentur für gesellschaftliche Themen immer weiter geschärft und ausgebaut, dazu gehört natürlich auch die politische Kommunikation. Wo seht ihr in diesem Bereich die größten Herausforderungen?

Heiner Widdig: In der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft und der schwindenden Bereitschaft, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Wie können wir den Dialog zwischen den unterschiedlichen Gruppen am Leben erhalten? Wie erreichen wir Menschen, die sich von unserer Demokratie nicht mehr vertreten fühlen? Wie halten wir Deutschland, wie halten wir Europa zusammen – das sind Fragen, die uns persönlich umtreiben. Das ist auch der Grund, warum wir das Thema „Zusammenhalt“ dieses Jahr als Schwerpunkt für den SocialSummit 2019  gewählt haben.

Dr. Heiner Widdig...

... kam 2003 zu neues handeln. Als Geschäftsführer baute er den Berliner Standort weiter aus und ist mittlerweile gemeinsam mit Irmgard Nolte Vorstand der Agentur. Zuvor leitete Widdig die Berliner Niederlassung einer internationalen Netzwerkagentur.

Ein ganz wichtiger Antrieb für euer unternehmerisches Engagement war zu zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und eine wertschätzende und partizipative Unternehmenskultur sich nicht ausschließen, sondern sich sogar gegenseitig bedingen. Was ist euer Fazit nach 30 Jahren?

Irmgard Nolte: Das ist einfach zu beantworten. Das Fazit ist, dass es funktioniert, auch wenn die Agentur größer wird. Wichtig sind vor allem der Wille und die Haltung.

Frage zum Schluss: Was ist euer unvergessener neues handeln-Moment?

Irmgard Nolte: Als ich mit neues handeln gestartet bin, hatte ich zwei Träume, zum einen für das Bundesfrauenministerium und zum anderen für Aktion Mensch zu arbeiten. Den Anruf der jeweiligen Ansprechpersonen aus beiden Häusern werde ich nie vergessen. Deren Beauftragung war für uns ein Meilenstein.

Heiner Widdig: Da gibt es nicht den einen Moment. Über die vielen Jahre mit so vielen tollen und engagierten Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten ist unvergessen.