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Diskutier mit mir – oder lass es halt!

Die digitale Plattform „Diskutier mit mir“ verknüpft Userinnen und User mit Personen, die politisch anders ticken. Aber funktioniert das überhaupt? Zwei Erfahrungsberichte.

Von Anja Hild und TILO KMIECKOWIAK am 9. Oktober 2019

„Raus aus der eigenen Bubble" heißt es auf der Plattform „Diskutier mit mir". Der Algorithmus bringt Menschen zusammen, die sich im normalen Alltag vermutlich nicht begegnen würden. © Feliphe Schiarolli/Unsplash

Funkstille. Aber ich gebe nicht auf.

Tilo Kmieckowiak, Berater bei neues handeln AG

Es ist Donnerstagnachmittag. Es ist Juli. Es ist heiß. Mein Telefon klingelt und ich lese den Namen einer Kollegin auf dem Display. „Hey, wie geht’s?“. Nach kurzem Austausch alltäglicher Themen kommt meine Kollegin direkt zum Punkt: „Tilo, ich weiß, du bist busy, aber hättest du vielleicht doch Zeit, wieder was für die sprich! zu schreiben?“. Im Hitzedelirium und begeistert vom Thema lasse ich mich mal wieder breitschlagen – ich werde die Plattform „Diskutier mit mir“ testen.

Klar, ich spiele gerne Versuchskaninchen, denn wie wohl die meisten Zeit-Leser war ich begeistert von „Deutschland spricht“. Das Experiment der Wochenzeitung matchte im letzten Jahr Menschen mit unterschiedlichen politischen Einstellungen, um Filterblasen zu durchbrechen und bei persönlichen Treffen die Empathie für Menschen mit gegenläufigen Weltbildern zu fördern. „Diskutier mit mir“ repliziert dieses Prinzip im Netz.

Direkt nach der Anmeldung geht es zur Sache: Wie stehe ich zu Waffenexporten? Sollten Schülerstreiks verboten werden? Haben Volksparteien noch eine Zukunft? Nach der Abfrage einiger gängiger Streitfragen beginnt das Matching – und tatsächlich, ich werde mit einer Person verbunden. Gespannt warte ich auf mein Gegenüber.

Ein paar Sekunden später finde ich mich also in einem Chat wieder. Die These wird eingeblendet. Es geht um die Volksparteien. Überrascht stelle ich fest: Die Plattform geht von meiner gegenseitigen Meinung aus! Hatte ich mich verklickt? Oder handelte es sich um einen Bug? Pragmatisch, wie ich bin – oder versuche zu sein – entscheide ich mich, das Prinzip von „Diskutier mit mir“ noch etwas zu erweitern: Ich nehme bereitwillig die Gegenposition zu meiner eigenen ein. 

„Ich finde, die Zeit der großen Volksparteien ist einfach vorbei“, konstatiere ich. „Die Gesellschaft ist so individualisiert, da sind mehrere kleinere Parteien für unterschiedliche Gruppen der bessere Weg“, lasse ich mein Gegenüber wissen. Begeistert stelle ich fest, dass mein Chat-Partner direkt antwortet. Gäbe es nur noch kleinere Parteien, hätten die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen nicht ausreichend Schlagkraft, ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen. Es bestünde außerdem die Gefahr, dass Kleinparteien besonders provokant auftreten, um Wählerstimmen zu sammeln.

Interessant! Da argumentiere ich direkt mal weiter. Doch dann: Funkstille. Aber ich gebe nicht auf. Ich lasse mich wieder und wieder matchen. Oft gibt es auch ein erstes Hallo und ein Anfangsargument wird verschickt. Aber dann brechen die Gespräche meist schnell ab. Ich gebe zu – hier war auch ich nicht immer ganz unschuldig. Im geschäftigen Arbeitsalltag fallen schöne und wichtige Interaktionen wie das Diskutieren über gesellschaftliche Themen nur allzu oft unter den Tisch. Trotzdem – oder gerade deswegen – werde ich „Diskutier mit mir“ im Blick behalten. Die Webapp ist hübsch, einfach zu bedienen und das Anliegen ist großartig. Mein liebster Ort für die Konfrontation mit anderen Lebenswelten und politischen Einstellungen ist aber die Offline-Welt. 

Ich schreibe diesen Text nämlich im ICE, der mich zwischen Frankfurt und Köln mit 300 km/h zurück in meine Wahlheimat katapultiert. Ich komme gerade von einem kurzen Familienbesuch im ländlichen Bayern. Zwar sind wir uns auch oft völlig einig. Doch meine Verwandtschaft wird immer der beste Reality Check bleiben.

Statements rausballern ohne echten Kontakt zum Gegenüber.

Anja Kathrin Hild, Beraterin bei neues handeln AG

Wie diskussionsbereit wäre ich, wenn mein Gegenüber vom rechten Rand kommt? Kann man mit solchen Leuten diskutieren und falls ja, will ich das überhaupt? Diese Fragen interessieren mich am meisten, als ich mich bei „Diskutier mit mir“ registriere. Und auch: Wie vorsichtig oder wie aggressiv wird eine solche Diskussion sein? Nähert man sich an? Versucht man, die Meinung des Gegenübers zu verstehen? 

Bei der Registrierung beantworte ich ein paar Fragen, die mich politisch einordnen – und dann kann es schon losgehen. Theoretisch. Die Plattform sucht nach einem Match. Bei mir sehr lange. Das Warte-Rädchen dreht sich. Es dreht sich auch noch nach einer und nach zwei Stunden. Damit ich ja nichts verpasse, installiere ich die App auf dem Smartphone und erlaube ihr sogar Benachrichtigungen. Endlich, nach einigen Tagen, gibt es jemanden, die oder der mit mir diskutieren will. Von meinem Gegenüber weiß ich nur, dass sie oder er aus Polen kommt, 18 Jahre alt ist und offenbar politisch anders tickt als ich. Soll es für das Europäische Parlament eine Quote für junge Abgeordnete geben? Das ist unsere Ausgangsthese. Eigentlich sind wir beide dafür. Mein Gegenüber meint: Junge Leute sind per se offener und das täte dem Parlament gut. Das kann man so nicht generell sagen, ist mein Einwand. Aber klar sei die Perspektive der jungen Parlamentarierinnen und Parlamentarier im EU-Parlament wichtig, beschwichtige ich. Ich höre nie wieder etwas aus Polen.

Kurz vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen versuche ich erneut mein Glück. Trotz der bevorstehenden Wahl und der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, sehr viele politisch Andersdenkende zu finden, braucht es wieder zwei Tage, bis es heißt: Ein Match! Womöglich jemand vom rechten Rand? Ich bin sehr gespannt. Unnötigerweise. Mein Gegenüber bewegt sich innerhalb demokratischer Prinzipien. Unser Thema: Kann der Einsatz geflüchteter Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland dem Lehrkräftemangel entgegenwirken? Nein, findet mein Gegenüber. Denn die Lehrkräfte würden die deutschen Lehrpläne nicht kennen. Es gäbe sicher auch sprachliche Probleme, argumentiert er oder sie weiter. Endlich eine richtige Diskussion, freue ich mich. Doch meine Einwände: Lehrpläne kann man doch schnell kennenlernen. Und ausgebildete Lehrkräfte bringen im Vergleich zu Quereinsteigerinnen bzw. Quereinsteigern mehr pädagogische und fachliche Kompetenz mit, verhallen leider wieder im Nichts.

Ist „Diskutier mit mir“ wirklich eine Möglichkeit, aus der eigenen Bubble auszusteigen, sich ernsthaft mit anderen Meinungen zu konfrontieren? Es kann funktionieren – wenn man schnell ein Gegenüber findet und die Meinungen kontinuierlich austauscht. Ich glaube aber auch: Im Chat machen wir es uns zu bequem. Wir können Statements rausballern, ohne einen echten Kontakt zum Gegenüber zu haben. Wer sich aber anschaut, findet sich vielleicht trotz entgegengesetzter Meinung auf einer Ebene sympathisch. Und dann ist die eigene Meinung stärker in Gefahr. 

 

Was bleibt? Unser Fazit

Raus aus der eigenen Komfortzone, mit Leuten diskutieren, die nicht aus der eigenen Bubble kommen, eigentlich eine tolle Idee, die auch funktioniert: Zur Bundestagswahl 2017 kamen laut den Machern des Portals knapp 20.000 Gespräche zwischen Menschen mit gegensätzlichen politischen Einstellungen zustande. Sie schickten sich fast 500.000 Nachrichten und diskutierten mehr als 30.000 politische Thesen – im Schnitt acht Minuten lang. Da kann man nur sagen: Hey Leute, kommt zurück. Nutzt das Portal rege, tauscht euch mit Andersdenkenden aus, lernt neue Perspektiven kennen. Dann läuft es vielleicht auch bald wieder mit „Diskutier mit mir“.

Für alle, die das selbst ausprobieren wollen: 

https://diskutiermitmir.de/#/