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„AfD-Politiker mit dem sozialen Wohnungsbau konfrontieren“

Wie uns Populisten vor sich hertreiben – und was wir dagegen tun können. Eva Horn, Social Media-Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE, über „AfD-Sprech“ und die Verantwortung der Medien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Von Isabel Grabow und Silke Stamp am 9. Oktober 2019

Spiegel-Journalistin Eva Horn vor weißem Hintergrund mit Schatten
„Warum muss zu jedem Flüchtlingsthema ein AfD-Politiker in der Tagesschau interviewt werden?“, kritisiert die Journalistin Eva Horn – und plädiert dafür, die AfD öfter zu ganz anderen Themen zu befragen. © Carsten Preiss

Begriffe wie Flüchtlingskrise, Flüchtlingsstrom oder die Diskussion des Themas Geflüchtete vor allem im Kontext von Kriminalität – auch Qualitätsmedien übernehmen in Deutschland oft die Begriffe und das Framing der Rechten. Welche Verantwortung haben Medien bei der Aufbereitung von Themen, die die Gesellschaft aktuell bewegen und vielleicht auch spalten? 

Eva Horn: Medien haben die gleiche Verantwortung wie alle anderen Teile der Gesellschaft auch. Der Job von Medien ist in erster Linie zu berichten, Themen einzuordnen und zu analysieren. Generell sollten Journalistinnen und Journalisten darauf achten, welche Begriffe sie verwenden und wie diese besetzt sind. Da sich die Bedeutung von Begriffen mit der Zeit verändert, müssen wir hier immer auf dem neuesten Stand sein. Nur so können wir vermeiden, unbewusst ein bestimmtes Framing zu reproduzieren.

Es kommt auch immer auf den Kontext an, wie Dinge wahrgenommen werden. Jede und jeder von uns ist voreingenommen. Besteht eine Redaktion beispielsweise nur aus 18 weißen Personen, haben diese vermutlich eine andere Auffassung davon, wie man schwarze Menschen bezeichnet, als eine Redaktion, die aus 18 schwarzen Redakteurinnen und Redakteuren besteht.  

Wie können wir verhindern, dass AfD-Sprech in unsere Debatten einsickert?

Eva Horn: Die Frage ist: Kann man es überhaupt verhindern? Vermutlich eher nicht. Und das ist meiner Meinung nach auch die falsche Frage. Vielmehr müssen wir uns die Frage stellen, wie wir damit umgehen. Die AfD und ihre Sprache totzuschweigen und nicht abzubilden ist auch nicht die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten. Vielmehr müssen diese sich ihrer Verantwortung bewusst sein und genau überlegen, wie es ihnen gelingt über diese Themen zu sprechen, ohne den AfD-Sprech zu übernehmen. Zusätzlich heißt es auch hier: Analysieren und genau erklären, was man meint. Verwendet man Begriffe als Zitat, verkürzt diese oder umschreibt sie? Zudem gilt es, die Wortwahl permanent zu hinterfragen. 

Eva Horn

Seit 2016 arbeitet Eva Horn bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Social Media. Auf ihrem Twitter-Account @habichthorn postet sie täglich über die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten und versucht, gegen Populisten im Netz vorzugehen.

Wie sollten Medien denn mit der AfD umgehen? Oder anders gefragt: Wie stehen Sie dazu, AfD-Politikerinnen und Politiker in Talkshows einzuladen und in Diskussionen einzubinden?

Eva Horn: Man kann durchaus AfD-Politikerinnen und -Politiker einladen, schließlich sitzen sie gewählt im Bundestag. Problematisch ist in meinen Augen, dass AfD-Politikerinnen und -Politiker immer zu Themen eingeladen und befragt werden, mit denen sie eh schon in der Öffentlichkeit stehen. Dadurch gibt man der Partei eine Plattform, die man ihr nicht geben müsste. Ich stelle mir beispielsweise auch die Frage, warum zu jedem Flüchtlingsthema ein AfD-Politiker in der Tagesschau interviewt werden muss. Dadurch bekommen diese schließlich noch mehr Aufmerksamkeit. Insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen sollten das anders machen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man AfD-Politiker in Talkshows mit Themen wie dem sozialen Wohnungsbau konfrontiert und darüber nach allen journalistischen Regeln befragt? Man darf nicht vergessen: AfD-Politikerinnen und -Politiker sind kluge, ausgebildete Rhetorikerinnen und Rhetoriker. Außerdem: Wenn man sie einlädt, muss man sich bewusst sein, dass man eine Verantwortung hat, und daher mit einem Faktencheck gut vorbereitet sein. 

Jasper von Altenbockum von der FAZ sagte auf dem Podium unserer Veranstaltung SocialSummit: „Wenn ich beim Schreiben immer im Hinterkopf durchgehe, was mein Text mit der Gesellschaft macht, dann kommt am Ende keine Meinung mit Ecken und Kanten raus, dann wird alles weichgespült.“ Ihm sei die Freiheit, schreiben zu können, was er will – unter Beachtung ethischer Grundsätze – wesentlich wichtiger, als den Zusammenhalt der Gesellschaft zu verantworten. Was würden Sie ihm antworten?

Eva Horn: Grundsätzlich kann ich seinen Ansatz verstehen. Aber hier stellt sich natürlich die Frage, wie man gesellschaftlichen Zusammenhalt definiert. Ich würde behaupten, man kann wunderbare Texte mit Ecken und Kanten schreiben, ohne die Gesellschaft zu spalten. Ich selbst habe kein Problem, scharf zu formulieren, ohne den Zusammenhalt der Gesellschaft zu gefährden. Aber man sollte sich Gedanken machen, ob man eine marginalisierte Gruppe verletzt. 

Sie sagen, es kommt darauf an, wie man gesellschaftlichen Zusammenhalt definiert. Was verstehen Sie selbst darunter?

Eva Horn: Für mich ist das eine Solidargemeinschaft, in der man sich nicht anbrüllt und in der eine Minderheit geschützt anstatt angegriffen wird. Aspekte wie Gewaltenteilung und freie Presse gehören aber natürlich auch dazu.

Auf ihrem privaten Twitter-Kanal sind Sie selbst sehr aktiv. Bei aller Schnelllebigkeit: Welche Überlegungen stellen Sie an, bevor Sie einen Tweet, Kommentar oder Retweet absenden?

Eva Horn: Im Idealfall ist es eine Mischung aus impulsivem Tweeten und genauem Überlegen. Vor allem bei Retweets bin ich vorsichtig und skeptisch. Hier läuft man schnell Gefahr, dass man beim Framing mitgeht. Wenn ich mich über etwas empöre, frage ich mich, ob ich auf diese Empörungswelle aufspringen und sie wirklich weiterverbreiten will oder es besser lasse. Schließlich sehen alle Userinnen und User sofort, wenn ich etwas teile. 

Meldungen gelangen heute viel schneller an ein breites Publikum, werden aber auch schneller diskutiert, kritisiert und falsch interpretiert. Dem Absender einer Nachricht wird auf digitalen Plattformen oftmals mehr vertraut als ihrer Quelle. Wie können die Medien Vertrauen zurückgewinnen?

Eva Horn: Eine professionelle Medienkompetenz ist hier fundamental. Redaktionen und Medienhäuser müssen bei sich selber anfangen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut ausbilden, damit sie ihr Handwerk so exakt wie möglich praktizieren, Fehler transparent machen und richtigstellen. Der Umgang mit Fehlern spiegelt die Professionalität von Medien wieder. Ich hoffe, dass exaktes Handwerk mehr Vertrauen schafft. Eine präzise Berichterstattung findet Anklang in der Gesellschaft. Medien sollen sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und für ihre Redaktionen gute Lösungen finden. Wir bei Spiegel Online arbeiten mit dem Zwei-Quellen-Prinzip. Und warten lieber mit der Veröffentlichung einer Meldung, bevor wir nicht eine zweite Quelle als Bestätigung herangezogen haben – auch, wenn das dann ein paar Minuten länger dauert.

Rechtsextreme Positionen zu äußern wurde u.a. durch die AfD in den vergangenen Jahren wieder salonfähig, Populisten treiben uns auf Social Media vor sich her. Auf der re:publica19 haben Sie Medienschaffenden Tipps gegeben, was wir dagegen tun können. Wollen Sie uns die Top 3 zum Abschluss mit auf den Weg geben?

Eva Horn: Als erstes sind ordentlich ausgestattete Social-Media-Teams sehr wichtig. Redakteurinnen und Redakteure mit Fachkompetenz, die den anderen sagen können, was die aktuellen Spins und Framings sind, sind fundamental für eine gut aufgestellte Redaktion. Zweitens benötigen Redaktionen mehr Diversität. Eine diverse Redaktion bildet die Wirklichkeit ab und schafft es eher, dass Themen differenziert betrachtet werden. Zusätzlich gilt es zu schauen, ob eine Nachricht wirklich eine Nachricht ist. Falls dies der Fall ist, müssen Redaktionen überlegen, wie sie darüber berichten und ein eventuelles Framing berücksichtigen. Allgemein sollten Redakteurinnen und Redakteure nicht zu viel Angst haben, sondern selbstbewusst ihren Job machen. Bei einem Shitstorm von rechts hilft es zu reflektieren: ‚Was haben wir falsch gemacht? Haben wir überhaupt etwas falsch gemacht?‘