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Bibi und Pamela Reif – ein Trend des 21. Jahrhunderts?

Nicht wirklich. Denn es gab immer schon Menschen, die sich als große Vorbilder inszenierten. Eine Zeitreise (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

Von Milena Ramin am 6. Mai 2020

Antike: Kleopatra – Cleo’s Beauty Palace

„Hey Leute! Heute zeige ich euch, wie ihr meinen königlichen Lidstrich ganz einfach nachmachen könnt …“

Ägyptens bekannteste Pharaonin hatte zwar auch politisch einiges drauf – doch bekannt ist Kleopatra heute vor allem für ihre Schönheit. Das Bad in Eselsmilch als antikes Anti-Aging-Rezept, der Lidstrich ein Markenzeichen, das Amy Winehouse alt aussehen lässt – als YouTube-Beautybloggerin hätte Kleopatra einiges zu bieten. Doch auch ohne Massenmedien beeinflusste sie Zeitgenossen sicher zur Genüge: Immerhin herrschte die antike Pharaonin über ein Weltreich mit mehr als sieben Millionen Followerinnen und Followern.

 

Mittelalter: William Marshal, 1. Earl of Pembroke – Gewinne ohne #Werbung

Spiegel-Selfies aus dem Fitnessstudio? Für William Marshal, 1. Earl of Pembroke noch Zukunftsmusik. Trotzdem machte sich der britische Adelige einen Namen im Sportbereich – auf mittelalterlichen Ritterturnieren. Dort sackte er auch ohne Paid Content jede Menge Reichtümer ein: Schon bei seinem ersten Turnier gewann William Marshal angeblich viereinhalb Kampfpferde (die andere Hälfte des fünften Pferdes ging wohl an seinen Trainer). Später kamen Lösegelder für besiegte Gegner sowie zahlreiche Ritterfräulein hinzu.

Auch wenn die mittelalterlichen Ritterturniere vor allem brutale Schauspiele mit Gefahr für Leib und Leben waren: Marshal tat sich im Kampf durch Ehrlichkeit und Loyalität hervor, was ihn nicht nur zum besten Turnierkämpfer seiner Zeit, sondern auch zum Idealbild ritterlicher Tugenden machte. Der Sohn bescheiden begüterter englischer Adeliger wurde reich und berühmt – und bot damit jede Menge Social Media-Potenzial.

 

18. Jahrhundert: Werther – Goethes Suicide Influencer

Schon lange vor YouTube hatten Berühmtheiten schlechten Einfluss auf die Jugend. So bestätigt die Forschung, dass nach der Veröffentlichung von Goethe’s „Die Leiden des jungen Werther“ im Jahr 1774 die Selbstmordrate stieg, und führten den Anstieg nachweislich auf das Buch zurück. Der Stadtrat Leipzig verbot sogar dessen Verbreitung – aus Sorge vor Nachahmenden.

Nicht umsonst spricht man noch heute vom „Werther-Effekt“. Goethe’s unglückliche Romanfigur, die sich aus Liebeskummer umbringt – ein Suicide-Influencer? Ob die Suizidwelle nun wirklich auf Werther zurückzuführen ist oder nicht, der Werther-Effekt zeigt: Stories konnten sich auch ohne Instagram verbreiten.

 

19. Jahrhundert: Catherine Walters – Schönheitstipps hoch zu Ross

Im London des 19. Jahrhunderts hinterließ Catherine Walters (auch bekannt als „Skittles“ oder „Anonyma“) bleibenden Eindruck. Sie machte sich nicht nur als letzte Kurtisane des viktorianischen Zeitalters einen Namen, sondern auch als Mode-Influencerin. Die Londonerinnen und Londoner, aristokratische Ladys wie einfache Arbeiter, waren fasziniert von Walters Reitkünsten, Schönheit und Kleidung. Um die Trendsetterin zu bewundern, musste niemand das Smartphone zücken. Zu ihren Ausritten im Hyde Park versammelten sich regelmäßig Menschenmassen, um sie analog anzuhimmeln und ihren Stil zu kopieren. Da sie Kurtisane einflussreicher Männer war, munkelte man zudem über ihren Einfluss auf die Politiker ihrer Zeit – Rezo lässt grüßen.