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Ganz Ohr! Frau Meyer, warum hören wir gerne zu?

Drei Fragen an Antje Meyer, Direktorin am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen und Mitglied der Leopoldina.

Von Julia Sprügel am 26. Oktober 2020

Frau Meyer, können Sie sich erklären, warum gerade das Medium Podcast bei vielen Menschen so beliebt ist?

Menschen empfinden das Zuhören grundsätzlich als einfacher und zugänglicher als das Lesen. Das liegt vor allem daran, dass gesprochene Sprache eine Satzmelodie, eine Intonation hat. Man hört an der Stimme, ob die sprechende Person jung oder alt ist, ob sie sich für ihr Thema interessiert, welche Stimmung sie mitbringt oder wo sie herkommt. Man kann beim Hören ganz viele persönliche Informationen ableiten. Das macht das Zuhören interessant. In vielen Podcasts ist die Sprache zudem sehr bewusst gewählt und verständlich – es gibt viel kürzere Sätze und ein ganz anderes, eher alltägliches Vokabular, als in Texten. Gerade emotionale Themen kann man auf diese Art sehr viel direkter und stärker vermitteln. In der Schriftsprache bräuchte es zusätzliche Wörter, die Emotionen erklären, in der gesprochenen Sprache passiert das ganz nebenbei.

Prof. Dr. Antje S. Meyer

ist seit 2009 Direktorin und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik. Die experimentelle Psychologin und Psycholinguistin erforscht die kognitiven Prozesse, die beim Zuhören, Verstehen und Sprechen ablaufen.

Das Zuhören läuft ja auch ganz nebenbei ab. Was passiert denn da genau in unserem Kopf, wenn wir Sprache hören?

Das Verstehen ist ein komplexer Prozess und läuft dennoch automatisch ab – ohne, dass wir viel davon merken. Zunächst wird gesprochene Sprache über das Ohr wahrgenommen. Dann wird das jeweilige Wort entziffert und mit unserem mentalen Lexikon und dem zuvor Gesagten in die richtige Reihenfolge sortiert. Das alles passiert in dem Zeitverlauf, in dem gesprochen wird. Das Verständnis läuft also parallel zum Sprechen ab. Der Unterschied zwischen Texten und gesprochener Sprache liegt in der Art, wie wir wahrnehmen, über die Augen bzw. über die Ohren. Wir wissen, dass es Menschen gibt, die eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben und daher nicht so gut lesen können. Aber es gibt kaum Menschen, die nicht zuhören können. Das Hören ist die Art und Weise, Sprache von klein auf wahrzunehmen, die uns am nächsten liegt. Fast alle Menschen lernen ganz von alleine, Sprache zu verstehen. Das Lesen dagegen lernen wir erst später in der Schule und ist viel schwieriger. 

Es heißt immer, Podcasts sind das Medium für Multitasking – man kann sich informieren und nebenbei Wäsche falten. Sind wir damit nicht eigentlich komplett überfordert?

Ich denke, das ist der springende Punkt. Man kann Podcasts oder Radio hören, während man etwas anderes tut. Deshalb ist das Medium so beliebt. Man hat das Gefühl, dass man die eigene Zeit besser nutzen kann. Aus unserer Forschung wissen wir aber, dass Doppeltätigkeiten grundsätzlich dazu führen, dass man beide Aufgaben nicht mehr ganz so gut erfüllen kann. Wenn Sie also einen Podcast hören bei der Gartenarbeit, kann das Radieschen schon mal in die falsche Reihe geraten oder das Gehörte nicht ganz so gut verstanden werden. Aber ich denke, dass diese Gleichzeitigkeit trotzdem etwas ist, was heute viele Menschen anspricht – und überfordert sind wir ja deshalb auch nicht direkt.