Menu

„Ich sehe mich als Sprachrohr – auch wenn meine Stimme nicht groß ist“

Wie kommt man selbst zu schweren Themen ins Gespräch? Auf TikTok und Instagram redet Medizinstudentin Rojin Zine Tekin über ihr Leben – und über das Sterben und den Tod. Als Influencerin kooperiert sie aktuell mit neues handeln, um auf die Pausentaste aufmerksam zu machen: ein Angebot des Bundesfamilienministeriums für pflegende Jugendliche.

VON JULIA SPRÜGEL AM 02. JUNI 2021

Was hat dich motiviert, die Kooperation mit dem Familienministerium für die Pausentaste einzugehen?

Meine Vergangenheit. Ich bin als Kind von zwei kranken Eltern aufgewachsen. Ich kenne das Gefühl, überfordert zu sein und sich mehr um die eigene Familie kümmern zu müssen, als man das in der Jugend möchte. Meine beiden Eltern hatten Krebs und sind verstorben. Das hat mich zwischen meinem sechsten und 18. Lebensjahr begleitet. Ich kenne es, dass die Schule darunter leidet. Ein Angebot wie die Pausentaste hätte ich mir damals wirklich gewünscht. Deshalb hätte ich auch ohne die offizielle Kooperation darauf hingewiesen.

Du hast einen starken persönlichen Bezug zum Thema. Was möchtest du deinen Follower:innen mitgeben?

Ich versuche generell, junge Leute über den Tod aufzuklären, soweit es mir möglich ist. Das ist so oft noch ein Tabuthema – genauso wie die Pflege einer kranken Familie, das wird selten beredet. Freunde von Betroffenen wissen meistens gar nicht, wie sie helfen können. Niemand weiß, wie man damit richtig umgeht. Ich sehe mich als Sprachrohr – auch wenn meine Stimme nicht groß ist. Gerade letzte Woche habe ich noch live erklärt, wie das alles abläuft nach dem Tod. Ich will die Menschen vorbereiten, denn ich war nicht vorbereitet.

Kommt dadurch ein echter Dialog zustande, der über die Kommentare hinausgeht?

Hunderttausend Prozent. Ich freue mich sehr, dass andere Leute so happy darüber sind, dass ich meine Geschichte teile. Aber noch mehr freue ich mich über Leute, die sich mir gegenüber öffnen. Ich antworte auf so gut wie jede Direktnachricht auf Instagram. Und ich merke, je öfter ich über das Thema in meinen Videos rede, desto mehr Leute kommen zu mir und sagen: „Ich habe genau das Gleiche erlebt wie du.“ Es tut einfach so gut, wenn man offen darüber spricht. Man neigt schnell dazu, einfach alles zu verdrängen. Das habe ich auch gemacht. Man redet mit niemandem, man buddelt sich komplett ein. Deshalb finde ich es so toll, wenn Leute das Bedürfnis haben, mit mir darüber zu sprechen. Ich habe Zuschauer, mit denen schreibe ich schon seit über einem halben Jahr – und zwar fast täglich. Da haben sich richtige Netzfreundschaften entwickelt. Ich kenne die Namen, ich kenne die Gesichter. Manchmal schaffe ich es wegen der Uni nicht, direkt zu antworten. Das macht mir ein bisschen Angst, denn eigentlich möchte ich alles beantworten.

Wie hat Ihnen dieses Interview gefallen? Schreiben Sie uns.