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Zeichen der Politik

Etwa 200.000 Menschen in Deutschland kommunizieren durch die deutsche Gebärdensprache. Magdalena Meisen ist eine davon: Selbst hörend wuchs sie mit tauben Eltern auf und arbeitet seit fast 30 Jahren als Dolmetscherin für Gebärdensprache. Im Interview spricht sie über Zögern, Gendern und die schwierige Übersetzung von Namen.

von Tamara Pruchnow am 15. November 2021

Frau Meisen, ein Wahljahr liegt hinter uns. Haben Sie den Eindruck, dass gehörlose Menschen und ihre Bedürfnisse bei politischer Kommunikation genügend mitgedacht werden?

Taube Menschen werden von der Mehrheitsgesellschaft leider erst wahrgenommen, wenn sie ihre Hände bewegen. Und verstanden werden sie erst, wenn gedolmetscht wird oder ihre gebärdensprachlichen Äußerungen verschriftlicht werden. Im vergangenen Wahlkampf konnte man aber gut beobachten, dass mittlerweile auch Parteien Gehörlose als potenzielle Wähler:innen erkannt haben. Gerade verändert sich viel. Bundestagssitzungen werden gedolmetscht und online gestellt. Aber auch hier grenzen wir wieder aus. Denn es werden nur Menschen erreicht, die das technische Know-how haben – und auch nur bestimmte Generationen. Viele ältere Menschen, die Zeit und Muse haben, sich politisch zu engagieren, können das nicht tun, da ihnen der Zugang mangels Internet-Kenntnissen verwehrt ist.

Sie arbeiten unter anderem als Dolmetscherin für die Tagesschau. Wie nah bleibt Ihre Übersetzung am Ausgangstext?

Die Frage bei meiner Arbeit ist immer: Orientiere ich mich an der Ausgangssprache oder klebe ich an ihr? Ich kann je nach Zielgruppe entscheiden, ob ich exakt die Begrifflichkeiten aus dem Ausgangstext verwende oder auf verständlichere Synonyme zurückgreife. Meine Aufgabe ist es, so zu übersetzen, dass das Gegenüber mich versteht und das Gesagte so erfährt, wie es gemeint ist. Das ist in der Tagesschau oft schwierig, weil ich den einzelnen Zuschauenden nicht kenne und je nach Vorhersehbarkeit des Beitrags keine alternativen Begriffe vorbereiten kann. Daher bleibe ich in der Regel sehr nah am Ausgangstext, der nicht immer für alle zugänglich ist. Aber das geht uns Hörenden schließlich genauso, es gibt leichter und schwerer verständliche Texte. (Anm. der Redaktion: siehe Beitrag zu leichter Sprache)

Vor welche besonderen Herausforderungen stellt Sie das Dolmetschen von politischen Inhalten?

Was ich besonders schwierig finde, sind Namensgebärden. Bei Annalena Baerbock gab es kurz vor Beginn der Bundestagswahlkampagne eine Umfrage unter Gehörlosen dazu, wie die Gebärde zu ihrem Namen aussehen soll. Ein Synonym ging in die Richtung „die mit dem Ohrring und dem Trampolinspringen“. Das mag schön sein, aber ich finde, dass es beim Dolmetschen wichtig ist, sprachlich respektvoll zu sein – besonders in der öffentlichen Kommunikation. Zum Beispiel gibt es zu Angela Merkel Gebärdenzeichen, die sich auf eine Mischung aus „merken“ und der Andeutung eines Pagenschnitts beziehen. Solche Äußerlichkeiten zu bestimmen, ist eine Form der Namensgebung. Aber gleichzeitig gibt es ein Gebärdenzeichen zu Frau Merkel, das auf hängende Mundwinkel anspielt – das würde ich in der Tagesschau nicht verwenden.

Wenn ein Mensch durch ein „mhm“ oder „äh“ zögert, sagt das nicht selten etwas über die eigene Position zum Gesagten aus. Wie stellen Sie das gebärdensprachlich dar?

Füllwörter wie „mhm“ oder „äh“ werden in der Gebärdensprache durch die Mimik ausgedrückt.

Und wie funktioniert die Übersetzung von geschlechtergerechter gesprochener Sprache?

Es gibt die Möglichkeit zu gendern. Taube Menschen nutzen solche Formulierungen aber innerhalb der Community in der Regel nicht, weil die Geschlechter in der Gebärdensprache sprachlich gleichgestellt sind. Was ja etwas Tolles ist! In Diskussionen, in denen manche gendern und andere nicht, gebe ich das meinem Gegenüber entsprechend mit, weil es einen inhaltlichen Unterschied macht.

Dolmetscher:innen für Gebärdensprache leisten wichtige Arbeit – und doch war unser Eindruck bei der Recherche, dass sie nicht immer sichtbar mit Namen benannt werden. Würden Sie sich wünschen, dass sich da etwas ändert?

Absolut. Zum einen habe ich das Bildrecht und das, was ich dolmetsche, ist mein geistiges Gut. Und außerdem können gehörlose Zuschauer:innen mir kein Feedback geben, wenn sie meinen Namen nicht erfahren. Ich verhandle gerade mit einer Agentur zum online Dolmetschen einer politischen Sendung bei einem privaten Sender – und der Sender möchte nicht, dass mein Name erscheint. Das ist für mich ein Grund, den Auftrag nicht anzunehmen. Dabei wäre diese Sendung ein Format, um wichtiges Hintergrundwissen zu politischen und gesellschaftlichen Themen zu erfahren. Viele meiner Kolleg:innen vertreten die gleiche Meinung und kämpfen dafür, namentlich genannt zu werden.

Hinweis der Redaktion: Sie haben Lust bekommen, selbst ein bisschen Gebärdensprache zu lernen? Schauen Sie doch mal in unserer Rubrik Das lose Ende vorbei!

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